Romane

Wir halten für Sie stets die wichtigsten Neuerscheinungen und ein ausgesuchtes Sortiment an Romanen, Erzählungen und Lyrik bereit. In regelmäßigen Abständen finden Sie an dieser Stelle Buchempfehlungen unserer Mitarbeiter.

 

 

José Eduardo Agualusa, Eine allgemeine Theorie des Vergessens, C.H. Beck, 2017, 19.95€

Dies ist ein phantastischer Roman um Ludovica, die die Angolanische Revolution im obersten Stockwerk eines Luxus-Hochhauses in Luanda überlebt. Sie ist die arme Verwandte, die von ihrer Schwester bei sich aufgenommen wurde. Der Schwager ist ein Tunichtgut und als die Revolution losgeht, machen sich Schwester und Schwager davon – es geht um geklautes Gold. Nun sitzt Ludovica allein in der großen Wohnung, als es an der Tür klingelt und ein Mann die Beute verlangt, erschießt sie den.

Aus Angst vor Entdeckung ihres Verbrechen mauert sie sich in ihrem obersten Stockwerk ein, ernährt sich von Gemüseanbau und Geflügelzucht, heizt und kocht mit dem Holz der Möbel und des Fußbodenbelags und wird vergessen.

Dreißig Jahre hält sie dort oben aus. Unten in der realen Welt ändern sich die Dinge, Regierungen kommen und gehen und irgendwann erinnert sich doch jemand, daß in diesem Wohnhaus im obersten Stockwerk mal eine Wohnung war. Für Ludovica ist das die Rettung.

Christian Bahnsen

 

Miljenko Jergovic: Die unerhörte Geschichte meiner Familie, Schöffling&Co., 2017, 34€

 

Es ist gehört schon ein gerüttelt Maß an Chuzpe dazu, vor der Leserschaft seine Familiengeschichte auf 1139 Seiten auszubreiten. Und ensprechend respektvoll nähert sich der Leser diesem Brocken von Buch.

Der Autor Miljenko Jergovic ist ein kroatischer Bosnier, der unglaublich produktiv ist und schon seit einiger Zeit als Empfänger des Nobelpreises gehandelt wird.

Jergovic‘ Familiengeschichte ist natürlich der rote Faden dieses Buches, es gibt aber entlang dieses Fadens immer wieder Knäuel, in denen von Freunden und Weggefährten einzelner Familienmitglieder erzählt wird. Es geht um Sarajewo und seine Straßen und Viertel oder die Bienenzucht und am Ende liest man eine Art Geschichte des Gebiets, das ein paar Jahre Jugoslawien hieß. Welchen anderen Weg kann es geben, um von den politischen Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts zu erzählen, als sich dem Schicksal der betroffenen Menschen zu widmen.

Hat man als Leser in der Jergovic’schen Familienstruktur einmal Fuß gefasst, liest sich dieses Buch spannender als jeder Krimi und jede einzelne der 1139 Seiten gibt Zeugnis von der außergewöhnlichen literarischen Kraft dieses Autors.

Christian Bahnsen

 

Jerome Leroy: Der Block, Edition Nautilus, 2017, 19.90€

Während in ganz Frankreich Unruhen herrschen und das Fernsehen die Zahl der dabei Getöteten ständig live aktualisiert, erzählen zwei sehr unterschiedliche Männer aus ihrem Leben. Der eine ist Antoine, neofaschistischer Schriftsteller und verheiratet mit Agnes, der Parteivorsitzenden des „Blocks“. Diese führt gerade geheime Verhandlungen über eine Regierungsbeteiligung und Antoine sinniert derweil über seinen Werdegang und seine Freundschaft zu Stanko. Stanko, der andere der beiden, war als Führer einer geheimen Stoßtruppe lange Zeit der Mann fürs Grobe beim „Block“. Wegen seiner Taten und schmutzigen Geheimnisse wurde er nun zur Gefahr und zum „Abschuss“ freigegeben. Auf der Flucht und untergetaucht in einem Hotelzimmer ahnt er, dass er die Nacht nicht überleben wird.

Unschwer lässt sich in dem „Block“ der „Front National“ wiedererkennen. Und obwohl der Roman bereits vor fünf Jahren in Frankreich veröffentlicht wurde, erscheint er gerade vor dem Hintergrund der letzten Wahlen erschreckend aktuell und erzählt mit dem Erstarken der Partei ein spannendes Stück französischer Zeitgeschichte.

John Polak

 

Natascha Wodin: Mariupol, Rowohlt, 2017, 19.95€

Die diesjährige Preisträgerin der Leipziger Buchmesse im Bereich Belletristik ist Natascha Wodin. In ihrem Roman „Sie kam aus Mariupol“ begibt sich die Autorin auf Spurensuche ihrer fast verschollenen Familie. Sie geht dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1944 als sogenannte „Ostarbeiterin“ nach Deutschland verschleppt wurde.

Im Internet findet Natscha Wodin über einen russischen Hobby-Genealogen erste Hinweise zu ihrer Mutter. Weitere Nachforschungen ergeben das Bild einer ehemals großbürgerlichen und bunten Familie. Von Wodins Tante Lidia finden sich autobiografische Skizzen, in denen der Spuk der Revolutionsjahre, die politische Mißwirtschaft in den Zwanziger Jahren und die stalinistischen Säuberungen in Mariupol und ihre Auswirkungen auf die ehemals große begüterte Familie beschrieben werden. Ihre kaum bekannte und früh verstorbene Mutter tritt so aus der Anonymität heraus, bekommt „ein Gesicht“, einen Hintergrund, eine Lebensgeschichte.

Es ist ergreifend zu lesen, wie mit klarer, lakonischer Sprache Wodin die tragischen Lebenswege ihrer Familie beleuchtet und langsam Stück für Stück ein Bild ihrer Mutter zusammensetzt. Sie erinnert mit ihrem Roman auch an das Schicksal vieler Zwangsarbeiter, einer Gruppe von Opfern des dritten Reiches, die bisher kaum in der Literatur beschrieben wurde und die durch sie eine Stimme erhalten. Diese beeindruckende Geschichte einer Recherche ist lesenswert und wirkt lange nach.

Christine Polak

 

 

Christoph Hein: Trutz, Suhrkamp, 2017, 26€

Anfang der Dreißiger Jahre kommt Rainer Trutz nach Berlin, wo er Journalist und Schriftsteller wird. Weil einer seiner Romane den mittlerweile an die Macht gekommenen Nazis missfällt und nach ihm gesucht wird, entschließen er und seine schwangere Frau Gudrun sich zur Emigration in die Sowjetunion. Dort muss er mangels anderer Arbeit in einer U-Bahn-Brigade arbeiten, wo er den früheren Gedächtnisforscher Waldemar Gejm begegnet. Beide freunden sich an und Gejm unterrichtet Trutz‘ Sohn Maykl und seinen eigenen Sohn Rem in Gedächtnistechniken, der Mnemonik. Im Zuge der Säuberungswellen wird zunächst Trutz, und später alle anderen Deutschstämmigen aus Moskau deportiert. Nach dem Tod seiner Eltern wächst Maykl zunächst bei den Gejms und später in einem Kinderheim auf. Schließlich wird ihm als Volljährigen die Ausreise in die neugegründete DDR nahegelegt, wo er studiert und Archivar zu arbeiten beginnt. Nicht ungetrübt, denn sein besonderes Erinnerungsvermögen gereicht ihm während seiner Arbeit zum Nachteil.

Erinnerung und das Gedächtnis sind auch das übergeordnete Thema des neuen Romans von Christoph Hein. Seine Geschichte zeigt die Notwendigkeit der Erinnerung an die Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Dass sein perfektes Gedächtnis für Maykl dabei nicht nur Vorteile hat, ist dazu kein Widerspruch.

John Polak

 

Anna Kim: Die große Heimkehr, Suhrkamp, 2017, 24€

 

Anna Kim führt uns in ihrem neuen Roman in ihr wenig bekanntes Geburtsland Korea. Auf der Suche nach ihrer Familie begegnet die Romanfigur Anna einem alten Mann mit Namen Yunho.

Ausgelöst durch die Nachricht vom Tod einer alten Freundin, blickt er auf sein Leben zurück und erzählt ihr seine Lebensgeschichte; diese ist gleichzeitig auch eine Geschichte der Teilung Koreas, des Koreakrieges und dessen schmerzhafte Nachwirkungen im heutigen Südkorea.

Im Seoul der 1950er Jahre treffen die beiden Freunde Yunho und Johnny die geheimnisvolle Eve. Beide verlieben sich in sie und beginnen parallel eine Beziehung mit ihr, gleichzeitig trifft sich Eve jedoch auch mit anderen und taucht gelegentlich ab. Die ständig klammen Yunho und Johnny halten sich mit Gelegenheitsjobs am Rande der Legalität über Wasser. Schließlich aber geraten sie in das Visier des Geheimdienstes, ein Mann wird getötet und sie müssen fliehen. Eve begleitet sie und organisiert ihre Reise nach Japan.

In Osaka werden Sie von Auslandskoreanern aufgenommen und mit Arbeit und Wohnraum versorgt. Doch auch hier geraten sie zwischen die Fronten, als Nordkoreasymphatisanten immer aggressiver um eine „Heimkehr“ in den Norden werben und zuletzt müssen auch sie sich für eine Seite entscheiden.

Wer sich auf diese mit dem Buch verbundene, nicht immer leichte Reise einlässt, wird mit einer spannenden Geschichte und Einblicken in die tragische Geschichte Koreas belohnt.

John Polak

 

Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen, Aufbau Verlag, 22.95€

Die 20jährige tatarische Bäuerin, Suleika, wurde als junges Mädchen mit einem älteren Mann verheiratet. Die erwarteten Söhne sind ausgeblieben, vier Mädchen im Säuglingsalter gestorben. Von Mann und Schwiegermutter drangsaliert, führt sie ein entbehrungsreiches Dasein, gefangen in einer patriachalischen Gesellschaftsordnung und dem Glauben an Allah und die Hausgeister.

So hätte sie auch weitergelebt, doch sie wird aus ihrer gewohnten Welt heraus gerissen. 1930 verabschiedete das sowjetische Politbüro die Direktive „Über Maßnahmen zur Eliminierung von Kulakenhaushalten“. Es war der Beginn einer breiten Kampagne gegen wohlhabende Bauern und sie wurden in kaum besiedelte Regionen der Sowjetunion vertrieben – nach Sibirien, Kasachstan oder in den Altai. Suleika gebiert in der Verbannung den ersehnten Sohn und erlebt eine unerwartete Liebe. Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft, aber auch Selbstüberwindung und härteste Arbeit, helfen ihr zu überleben.

Gusel Jachina erzählt in ihrem Debütroman ein Stück Familiengeschichte. Ihre eigene Großmutter wurde Anfang der 30ger Jahre aus einem tatarischen Dorf vertrieben und über Kasan, Krasnojarsk und den Fluß Angara an einen abgelegenen Ort verbracht, ohne jegliche Mittel um zu überleben. Die Romanfigur Suleika ist zwar nicht identisch mit ihrer Großmutter, welche die Vertreibung als Kind erlebte, aber sie hat ihre Erzählungen und Berichte anderer „entkulakisierter“ Bauern in ihrer Geschichte verarbeitet. Gusel Jachina wurde für ihren Roman mit dem wichtigsten russischen Buchpreis „Bolschaja Kniga“ ausgezeichnet. Ein Roman in bester russischer Erzähltradition, der das Schicksal einer jungen Frau in den Wirren der Zeit gekonnt beschreibt.

Christine Polak

 

Jerome Charyn, Winterwarnung, Diaphanes Verlag, 24€

Winterwarnung ist der zwölfte Teil von Charyns Geschichte des NewYorker Polizisten Isaac Sidel, der im Lauf der Zeit eine fulminante Karriere hinlegt: Vom Cop in der Lower East Side zum Polizeichef, zum New Yorker Bürgemeister und schließlich zum amerikanischen Präsidenten.

Isaac Sidel wird überraschend und ohne zu wollen Präsident, denn der eigentlich gewählte Kandidat ist verhindert und daher muss der Vize einspringen. So kommt ein Präsident ins Amt, der für seine Unberechenbarkeit und Unabhängigkeit bekannt ist, der noch über jede Menge seltsamer New Yorker Kontakte verfügt und das Establishment in Angst und Schrecken versetzt.

Und das Establishment wehrt sich…

Jerome Charyns Roman ist Kriminalstück, das durch aktuelle politische Entwicklungen in den USA eine (auch für de Autor) unerwartete Aktualität gewonnen hat. Das allein reicht schon für eine Empfehlung – aber dann ist da noch dieser typische Charyn-Ton, der das Buch zu einem Erlebnis macht.

Christian Bahnsen

 

Jochen Schmidt, Zuckersand, CH Beck, 18€

In Jochen Schmidts Roman erzählt ein junger Vater vom Leben mit seinem vierjährigen Sohn Karl. Die Verhältnisse in denen Karl aufwächst sind besonders: Die Mutter arbeitet in offenbar herausgehobener Stellung mit Sekretärin beim Denkmalschutz und der Vater lebt vom Schreiben.

So ergibt sich die Rollenverteilung bei der Erziehung des Knaben von selbst: Die Mutter dirigiert das Familienleben per SMS und der Vater durchlebt die Mühen der erzieherischen Ebene. Für den erfahrenen Leser ist natürlich ein Tabu, anzunehmen, daß in Romanen geschilderte Begebenheiten etwas mit dem realen Leben des Autors zu tun haben könnten.

In diesem Falle aber … Jochen Schmidts Buch erfreut mit leisem Witz, vor allem aber mit einem Ton von Vaterliebe und Vaterstolz, daß sich dem Leser die oben genannten verbotenen Gedanken geradezu aufzwingen.

Christian Bahnsen

 

T.C.Boyle: „Die Terranauten“, Hanser, 26€

Acht Freiwillige lassen sich unter großer medialer Anteilnahme für mögliche extraterrestrische Missionen zwei Jahre lang in ein großes, sich selbst versorgendes Glashaus einschließen. Dies ist bereits die zweite Mission in der „Ecosphäre“. Da die erste wegen eines medizinischen Notfalls unterbrochen werden musste und damit scheiterte, soll diese unbedingt ein Erfolg und unter gar keinen Umständen gestoppt werden.

Die Geschichte wird aus der Sicht von drei Projektanwärtern erzählt. Während Dawn und Ramsay zu den Auserwählten gehören, muss Linda mit ihrer Enttäuschung und Wut fertig werden und das Projekt von außen mit begleiten. Zunächst läuft die Mission reibungslos, doch nach dem ersten Winter werden die eingeschränkte und wenig abwechslungsreiche Nahrung sowie zwischenmenschliche Differenzen zu drängenden Problemen. Hinzu kommt die (ungeplante) Schwangerschaft von Dawn, welche die Mission zu sprengen droht…

T.C. Boyle erzählt von der Hybris des Menschen, seinem Wunsch Mutter Natur zu besiegen und dem absehbaren Scheitern an seiner eigenen Natur.

John Polak

 

Christoph Ransmayr: „Cox oder der Lauf der Zeit“, Fischer Verlag, 22€

In seinem Roman erzählt Ransmayr von der Reise des britischen Uhrmachers Alistair Cox, der zusammen mit einigen Gehilfen im 18 Jhd. an den Hof des chinesischen Kaisers Quianlong eingeladen wird. Mit allen möglichen Ressourcen ausgestattet soll er dort in der Verbotenen Stadt ganz besondere, einzigartige Uhren bzw. Uhrenautomaten erschaffen, die das Vergehen der Zeit weniger messen als darstellen sollen.

In einer bedrohlichen Atmosphäre erleben sie wie selbst kleinste Fehler sofort auf das Härteste bestraft werden und sie sind seit ihrer Ankunft quasi Gefangene, die sich nicht mehr frei bewegen können. Überhaupt begegnet man ihnen als Fremde mit viel Mißtrauen und der Kaiser lässt sich lange nicht blicken. Schließlich kommt es doch zu einem Treffen und zu mehreren Aufträgen, deren Krönung eine „zeitlose“ Uhr ist, welche der Kaiser jedoch nie in Gang setzen wird, da das Vergehen der Zeit auch immer das Vergehen der Macht bedeutet. Neben dem Nachdenken über das Wesen der Zeit und ihr Vergehen zeichnet sich das Buch insbesondere durch seine dichte, poetische Sprache aus.

John Polak

 

Rose Tremain: „Und damit fing es an“, Insel Verlag, 22€

„Es gibt da diese Straße, Gustav. Das weißt du doch. Und genau diese Straße müssen wir nehmen. Wir müssen die Menschen werden, die wir schon immer hätten sein sollten.“ Als Anton diese Sätze sagt, liegt schon ein halbes Leben hinter den Jugendfreunden. Aufgewachsen sind sie in der Schweiz der 40er, 50er Jahre. Gustav mit seiner lieblosen, strengen , alleinerziehenden Mutter, in ärmlichen Verhältnissen. Anton, mit liebevollen gutsituierten Eltern, die sein Klavierspiel fördern. Wir folgen ihren unterschiedlichen Lebenswegen, erfahren die Lebensgeschichte von Gustavs Vater und Mutter und erleben das späte Glück, das Gustav und Anton verbindet..

Die englische Schriftstellerin Rose Tremain, hat selbst als Kind und Jugendliche Ferien-und Internatszeit in der Schweiz verbracht. So sind Orte und Begegnungen, in diesem bewegenden stillem Roman, vermutlich eigenen Erlebnissen entlehnt. Nuancenreich, empfindsam und niemals sentimental erzählt die Autorin mehrere miteinander verflochtene Lebensgeschichten, die beim Leser lange nachklingen.

Christine Polak

 

Zygmunt Miloszewski: „Warschauer Verstrickungen“ und „Ein Körnchen Wahrheit“, Berlin Verlag TB, 9.99€ bzw. 10€

Aus Polen kommt eine neue Krimi-Reihe zu uns: Die Romane um den Staatsanwalt Teodor Szacki (gesprochen „Schatzki“) von Zygmunt Miloszewski. Szacki ist nicht mehr ganz jung, ehrgeizig, eitel und ohne seinen dreiteiligen Anzug kaum denkbar. Außerdem ist er dem weiblichen Geschlecht durchaus zugeneigt, was seiner Ehe nicht förderlich ist.

Des Staatsanwalts erster Fall spielt in Warschau. Ein Mann wird tot aufgefunden, man hat ihm einen Bratspieß durchs Auge ins Hirn getrieben. Bei der Aufklärung des Falls muß sich Szacki mit den Methoden der Familienaufstellung nach Bert Hellinger, aber auch mit den Interessen „höherer Kreise“, die seine Ermittlungen für störend halten, auseinandersetzen.

Szackis zweiter Fall, „Ein Körnchen Wahrheit“, spielt in Sandomierz, einer kleinen Stadt östlich von Krakau, die in dem Buch so beschrieben wird, daß der Leser am liebsten gleich aufbrechen möchte, sie sich anzuschauen. Hierhin hat Szacki sich versetzen lassen, um sich nach seiner Scheidung ein wenig vom hektischen Warschau zu erholen. Doch eine Mordserie beunruhigt die Stadt und der Mörder hinterläßt an den Tatorten Spuren, die auf einen antisemitischen Hintergrund deuten. Natürlich ist am Ende alles ganz anders…

Miloszewski ist eigentlich Journalist und hat einen klaren Blick auf das öffentliche und politische Leben in Polen. Die Fälle seines eitlen Staatsanwalts Teodor Szacki sind spannend erzählt und wecken Interesse, sich mit unserem Nachbarland Polen eingehender zu befassen.

Christian Bahnsen

 

John Williams: Augustus, DTV, 2016, 24€

Nach den posthum erschienenen Romanen „Stoner“ und „Butcher’s Crossing“ erscheint nun das dritte Buch von John Williams. Erzählt wird das Leben des Kaisers Augustus und zwar in der ungewohnlicher Weise in Form eines Briefromans. Aus teils echten, teils erfundenen Briefen und Tagebucheinträgen von Freunden und Feinden, Ehefrau und Tochter – und ganz zuletzt – auch von Augustus selbst entsteht ein sehr detailliertes Mosaikbild seines Lebens. Die Lektüre ist wegen der vielen, sich mitunter widersprechenden Stimmen durchaus herausfordernd aber lohnenswert. Es entsteht das Bild eines sehr zurückhaltenden und feinsinnigen, aber auch nüchtern kalkulierenden Mannes, der sich nur auf wenige Freunde verlassen konnte. Ein großartiger Roman, der das alte Genre des Briefromans auf eine neue Ebene hebt.

John Polak

 

Thomas Reverdy: Die Verflüchtigten, Berlin Verlag, 2016, 22€

Um schwer wiegenden Problemen zu entgehen und einem Gesichtsverlust seiner Familie zu vermeiden, ist es in Japan nicht unüblich unterzutauchen und zu verschwinden. Der Banker Kaze beschließt, diesen Weg zu gehen und zu fliehen, da er die Verstrickung seiner Firma in Geschäfte der japanischen Mafia entdeckt und man ihm auf den Fersen ist. In Tokio begegnet er dem Straßenjungen Akino, den der Tsunami von 2011 zum Waisen gemacht hat und der als zufälliger Zeuge eines Verbrechens ebenfalls vor den Yakuza auf der Flucht ist. Beide begeben sich in das Sperrgebiet um Fukushima, um dort eine Arbeit zu finden, bei der sie niemand nach ihrer Identität fragt. Währenddessen macht sich Kazes Tochter auf die Suche nach ihrem Vater und bittet ihren ehemaligen Freund Richard, einen erfolglosen Privatdetektiv, ihr dabei zu helfen. Richard nimmt den Auftrag an und taucht in eine ihm fremde und verschlossene Gesellschaft ein.

In seinem leisen und poetischen Buch zeichnet Thomas Reverdy ein eindrückliches Porträt der japanischen Gesellschaft vor dem Hintergrund der Natur- und Reaktorkatastrophe von 2011.

John Polak

André Kubiczek: Skizze eines Sommers, Rowohlt Verlag, 19.95€

Renè ist 16 Jahre alt, Halbwaise, und darf den Sommer allein zu Hause in Potsdam verbringen, da sein Vater an einer Konferenz im Ausland teilnimmt. Die Ferien verbringt er mit seinen Freunden, mit viel Cognac-Cola und Zigaretten. Es ist für sie eine besondere Zeit, da nach den Sommerferien der Wechsel auf neue Schulen ansteht und sich ihre Wege trennen werden. Für René ist der Sommer aber noch außergewöhnlicher, da er drei Mädchen trifft und sich unter ihnen seine erste große Liebe befindet.

Obwohl dieser Roman im Potsdam des Jahres 1985 spielt, also in einer fernen Zeit, als es noch die DDR gab und selbst gestaltete Musikkassettenmixe, vermag man die Stimmung der Jugendlichen nachzuvollziehen und fühlt sich an die eigene Jugend erinnert. André Kubiczek fesselt mit seiner klaren und schnörkellosen Sprache und den präzisen Bildern. Den naheliegenden Vergleich mit Wolfgang Herrndorf oder Bov Bjerg braucht er jedenfalls nicht zu scheuen.

John Polak

Szczepan Twardoch: Drach, Rowohlt Berlin Verlag, 22.95 €

Dies ist ein ungeheurer Roman. Szczepan Twardoch, bekannt durch sein Buch „Morphin“, erzählt die Geschichte der schlesischen Familie Magnor/Gemander. Diese beginnt im Jahre 1241, konzentriert sich aber schnell auf das 20. Jahrhundert und endet 2014. Die Magnors/Gemanders leben in Dörfern und Städten zwischen Gleiwitz(Gliwice) und Kattowitz (Katowice) und sie sind echte Schlesier, was die Frage der kulturellen Verortung in den Mittelpunkt des Romans rückt. Man spricht Polnisch, Schlesisch, Deutsch, Wasserpolnisch und den Schönwalder Dialekt. Entsprechend wohnt man auch mal in Polen, mal in Deutschland.

Twardoch erzählt nicht linear, sondern kleinteilig verschachtelt. Zudem setzt der Autor zwischen sich und den Leser die Erzählerin des Romans, eine Instanz mit ganz weiten Blick: Die Erde.

Es ist die ganz große Kunst Szczepan Twardochs, bei so einen Text die Fäden nicht aus der Hand gleiten zu lassen – so entsteht eine aus unzähligen Mosaiksteinchen komponierte Familiengeschichte Schlesiens.

 

Christian Bahnsen

 

Christoph Hein: Glückskind mit Vater, Suhrkamp, 22.95

Das Glückskind Konstantin Boggosch wird vom Schatten seines Vaters verfolgt, der als mutmaßlicher Kriegsverbrecher zu Kriegsende hingerichtet wurde. Seine Taten werden jedoch in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR auch seiner Ehefrau und seinen Kindern angelastet, was für Konstantin sein Leben lang große schulische und berufliche Einschränkungen nach sich zieht. Er versucht vor diesem Schicksal als Jugendlicher nach Frankreich zu fliehen, kehrt aber kurz nach dem Mauerbau in die DDR zurück, nachdem er auch dort von der Vergangenheit seines Vaters eingeholt wurde. Mit großer Entschlossenheit gelingt es ihm, das Abitur nachzuholen, zu studieren und als Lehrer zu arbeiten. Aber alle Versuche sein Stigma loszuwerden, sind zum Scheitern verurteilt und bringen nur Unglück.

Christoph Hein führt uns und seinen Helden brilliant durch die Verstrickungen der jüngeren deutschen Geschichte und lässt den Leser noch lange über den Umgang mit historischer Schuld und persönlicher Verantwortung nachdenken.

John Polak

Juli Zeh: Unterleuten, Luchterhand, 24.99€

Unterleuten scheint auf den ersten Blick ein typisch brandenburgisches Dorf zu sein, in dem es außer der Landwirtschaft keine anderen Einnahmequellen gibt. Allerdings gibt es doch einige Besonderheiten: Einziger bedeutender Arbeitgeber ist eine landwirtschaftliche Kooperative, hervorgegangen aus einer LPG, geführt von einem so selbstherrlichen wie fürsorglichen Herrscher, ohne dessen Wissen und Willen nichts im Dorf passiert. Die Dorfgemeinschaft ist geprägt durch alte Freund- und Feindschaften und hat sich durch die Umbrüche seit der Wende und den Zuzug von Ruhesuchenden Städtern zusätzlich verändert. Darüber hinaus liegt in der Nähe ein Naturschutzgebiet mit äußerst seltenen Vögeln. Schließlich sorgt ein Immobilienspekulant für Unruhe, der Grundstücke quasi im Vorübergehen erwirbt.

Das Faß zum Überlaufen bringt letztendlich die geplante Errichtung eines Windparks und der Streit um dessen Standort lässt die Ereignisse sich überschlagen…

Juli Zeh führt uns in ihrem neuen Buch eine Art gesellschaftliche Versuchsanordnung mit einer folgenschweren Kettenreaktion vor und konzentriert geschickt gesellschaftliche Konfliktlinien auf Mikroebene.

John Polak

 

 

 

 

Richter, Peter: „89/90“, Luchterhand, 2015, 19.99€

Es ist der letzte Sommer der DDR. Eine Gruppe Jugendlicher erlebt ihn in Dresden, im „Tal der Ahnungslosen“. Sie machen Musik, hängen herum, brechen nachts ins Schwimmbad ein. Dann kommt es zu den Demonstrationen und die Auflehnung gegen die Staatsmacht.

Wer aus der Clique agiert jetzt wie? Peter Richter erzählt in diesem autobiografischen Roman das Ende der DDR aus der Sicht eines Sechzehnjährigen, mit den Blicken des Jungen, der er war. Ein Kind der Mittelschicht, das tagsüber in der Schule sitzt und nachts ins andere Leben springt. Er schildert dies in kleinen kurzen Absätzen, vom Juli 1989 an, dem Sommer, der die Welt verändern sollte, bis zum Oktober 1990, an dem die DDR verschwand. Jugendstreiche, erste Lieben, Prügeleien, Demonstrationen, Hausbesetzungen, der ständige Kampf von Nazis und Punks und die großen und kleinen Veränderungen, die das Verschwinden der DDR mit sich brachte.

Ein Buch, dessen Handlung auch zu einem nicht geringen Teil in der Neustadt stattfindet und bislang mein Buch des Jahres!

John Polak